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Heidi Lichtenberger

“turn slowly”, 2000, je 8 x 6 x 6 cm
Fotoobjekte der Ausstellungsinstallation www-krypta.be, 2000

“....die Künstlerin greift auf verschiedenen Quellen der visuellen Dokumentation zurück (Reisefotografien, Fotos von Museumsarchiven, Fernsehfotos, Internet...), die sie gelegentlich in außergewöhnlichen Bildträgern wie alten Uhrgehäusen, Kalenderobjekten, CD-Hüllen, Polaroidkasetten unterbringt, welche sich dann in Behältnisse der Erinnerung, der Aktualität und der Zukunftsvision verwandeln.”


Mercè Martínez Seguer, Kunsthistorikerin
(Originaltext auf Spanisch)

Umgreifende Veränderungen der politischen Systeme kennzeichneten
das Ende des 20. Jahrhunderts: Im Osten öffneten sich Grenzen und
wurden neu definiert. Die Epoche des Übergangs ins neue Jahrhundert
geht einher mit der rasanten Entwicklung neuer Technologien.
Vergleichbar mit den die menschlichen Sehweisen revolutionierenden
Erfindungen der Eisenbahnen, Hochhäuser und schlussendlich der
Fotografie selbst werden die neuen Medien der Dimensionen
Wahrnehmung in Raum und Zeit verändern. Virtuelle Bildspeicher sind
Teil des scheinbar objektiven, additiven Gedächtnisses an historische
Ereignisse, während unser menschliches Bildgedächtnis individuell,
subjektiv und selektiv arbeitet.

Die Ausstellungsinstallation von Heidi Lichtenberger verfolgt in sich
ergänzender Weise die Reflexion über die geschichtliche Grenze der
Mauer in Berlin und die visuelle, durch die Medien geprägte Erinnerung
daran. Partielle Aneinanderreihungen von graphischen Informationen
auf und in verschiedenen Bildträgern verweisen inhaltlich und räumlich
auf die Mauer, die Westberlin einschloss und vom Osten Berlins trennte...

Als .. Bildträger für digital behandeltes fotografisches Material
werden Objekte wie Tischkalender, Taschenuhrgehäuse, gebrauchte
Polaroidkasetten oder Plastikkameras mit Drehscheiben benutzt.
Die entfremdeten, aus dem Internet, vom Fernsehen, aus Zeitschriften
oder Museen abfotografierten und dekontextualisierten Fotos werden
erst durch Ziffern, Buchstaben oder Zeichen identifizierbar: nicht der
materielle Bildträger, sondern die Datumsangabe gibt uns Hinweise
auf die geschichtliche Situation und die Vergangenheit. Mit der
Digitalisierung der Bildinformationen und des Bildgedächtnisses
entfällt der Prozess des "Vergilbens" eines Fotos, kunsthistorische
Methoden der Altersbestimmung von Farben oder von
fotografischen Verfahren werden in der Zukunft durch neue
ersetzt werden müssen. Taschenuhrgehäuse und Polaroidkasetten
werden so symbolische Träger der geronnenen Zeit. Transparente
Raumaufteilung steht letztendlich nicht nur für die verschwundene,
nur noch in Erinnerung und im subjektiven und kollektiven
Bildgedächtnis bestehende Mauer, sondern darüberhinaus
für einen sich verändernden Raum- und Wahrnehmungsbegriff
der neuen Mediengesellschaft.

Dr. U. Oberdiek

zur Biographie von Heidi Lichtenberger